Gegen die Wand

Deutschland 2004 - 121 Min. - Farbe - Goldenen Bär, Berlinale 2004 - Buch und Regie: Fatih Akin. Mit Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Meltem Cumbul, Güven Kirac u.a.
SzenenbildNicht das Wunder von Bern, sondern das Wunder von Berlin nannten Zeitschriften den Sensationserfolg von "Gegen die Wand", Fatih Akins Beitrag zu den Internationalen Berliner Filmfestspielen 2004. Achtzehn Jahre nach Reinhard Hauffs "Stammheim" hatte ein deutscher Film wieder den Hauptpreis, den Goldenen Bären errungen. Mit seinem leidenschaftlichen Beitrag über eine ungewöhnliche Liebe konnte der türkischstämmige Hamburger nicht nur die hochkarätig besetzte internationale Jury, sondern auch Presse und Publikum für sich gewinnen. Zu recht: "Gegen die Wand" ist wild und authentisch, kantig und rauh, aber auch gefühlvoll und romantisch - eine Tour de Force durch eine vom Scheitern bedrohte Beziehung.

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Cahit Tonruk ist ein desillusionierter Alkoholiker. Des Lebens überdrüßig landet er eines Tages im Vollrausch mit seinen Wagen vor einer Betonmauer und danach im Krankenhaus. Dort trifft er auf die 23-jährige Sibel, wie er türkischer Herkunft und Überlebende eines soeben verübten Selbstmordversuches. Im Suizid sieht die lebenshungrige junge Frau die einzige Möglichkeit, ihrem traditionsverhafteten Elternhaus zu entkommen. Doch das Auftauchen Cahits lässt sie neue Hoffnung schöpfen. Sie bittet ihn, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Als Türke würde er von ihren Eltern akzeptiert. Nach anfänglichem Zögern willigt Cahit ein. Die beiden teilen die Wohnung, aber nicht das Bett. Während Sibel eine Affäre nach der anderen eingeht, fühlt sich Cahit wider Erwarten immer mehr zu seiner neuen Ehefrau hingezogen, findet neuen Lebensmut.

Was wie eine humorvolle Liebeskomödie beginnt, entwickelt sich zu einem dunklen Melodram. Zwar zeigt auch Sibel zunehmend Gefühle für ihren sperrigen Mitbewohner, doch noch bevor sie ihm ihre Liebe offenbaren kann, erschlägt Cahit einen ihrer Ex-Liebhaber im Affekt. Cahit wandert für Jahre hinter Gitter, unter Tränen verspricht die junge Frau auf ihn zu warten. Doch nach der Haftentlassung muss Cahit feststellen, dass Sibel ein neues Leben in Istanbul begonnen hat. Er reist ihr nach, um festzustellen, ob ihre Liebe noch eine Chance hat.

Der 30-jährige Fatih Akin, hierzulande bekannt durch die Komödie "Im Juli" und die Geschichte der ersten Pizzeria im Ruhrgebiet "Solino", kennt sich aus im Milieu der zweiten Einwanderergeneration. Teils realistisch, teils dramatisch überhöht, schildert er mit rauher Poesie eine ‚amour fou' zwischen Hamburg-Altona und Istanbul. Deren Scheitern ist nicht allein einer rigiden Tradition und Erziehung anzulasten, Akin verzichtet bewusst auf Denunziation der Elterngeneration. Die Protagonisten scheitern letztlich auch an einem bis zum bitteren Ende ausgelebten Unbedingtheitsanspruch.

"Your movie is really Rock'n'Roll", sagte Jury-Präsidentin Frances Mcdermott bei der Übergabe der begehrten Trophäe gesagt haben. Die Leidenschaft des Regisseurs für das Filmemachen überträgt sich auch auf die Schauspieler. Der bereits film- und fernseherfahrene Birol Ünel und die Newcomerin Sibel Kekilli sind ein ebenbürtiges Paar. Spaß hatte Akin auch beim Experimentieren mit neuen Erzählformen. Die pulsierende, nach vorn drängenden Handlung wird unterteilt durch Musik-Akte des Roma-Musikers Selim Sesler und seiner Band, vorgetragen von der Schauspielerin Idil Üner - ein den klassischen Theater-Tragödien entlehntes Stilelement.
- Anne Wotschke -