Poem

Deutschland/USA 2002 - 91 Min. - Farbe - Regie: Ralf Schmerberg. Mit Meret Becker, David Bennent, Klaus Maria Brandauer, Larry und John Gassman, Hermann Van Veen, Jürgen Vogel u.v.a.
In der Popwelt ist er längst schon eine zum Standard gewordene Kunstform, der Videoclip. Warum also sollte er nicht auch als bebilderndes Element für Gedichte funktionieren? In etwa dieser Gedanke muss wohl auch dem in Berlin lebenden Regisseur Ralf Schmerberg in den Sinn gekommen sein, als er sich mit einem Konzept zur Verfilmung von Lyrik befasste. Schmerberg und seiner Autorin Antonia Kainz jedoch ging es jedoch nicht darum die inhaltliche Aussage der Gedichte in Bilder umzusetzen, vielmehr sind die Bilder eigene, für sich stehende Szenen und Impressionen, die Poem und Bild aber dennoch einander ergänzen lassen.

Schön anzusehen ist das grundsätzlich immer, dafür bürgt die erstklassige Arbeit von Kameraleuten wie Robby Müller ("Dead Man", "Breaking the Waves", "Dancer in the dark"), Darius Khondji ("Seven", "Delikatessen", "Panic Room"), Franz Lustig (mehrfach ausgezeichneter Werbeclipfilmer), Nicola Pecorini ("Fear and loathing in Las Vegas") und letztlich Ralf Schmerberg selbst. Eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Präsentationsästhetik spielt aber auch die Filmmusik, zu überwiegenden Teilen ist sie Produktionen des Münchner Labels ECM entnommen, wobei insbesondere Ketil Björnstad/Terje Rypdal mit ihren klangmalerischen Kompositionen wesentlich zur Stimmungsverstärkung der Bilder und Worte beitragen.

Vielleicht ist es ja von Vorteil, dass das Hörbuch an Popularität gewinnt, scheint bewusstes Zuhören doch wieder in Mode zu kommen. Trotzdem steht und fällt "Poem" mit dem Grad des inhaltlichen und emotionalen Zugangs eines jeden der 19 Gedichte. Rezitiert werden da Klassiker von Goethe und Schiller, Rilke, Hesse und Heine, Literaten wie Kurt Tucholsky, Hans Arp oder Georg Trakl kommen zu Wort und auch Sprachjongleur Ernst Jandl darf in diesem Reigen nicht fehlen. Am Ende haften bleiben werden aber vor allem die Bilder. Jene Sequenz zum Beispiel, in denen ein Kabinett voller Brautkleider plötzlich Feuer fängt und sich die Stimmung von festlichem Weiß und heller Freude in ein höllisches Inferno verwandelt - für Schmerberg eine Allegorie für die Liebe und ihr zerstörerisches Potenzial.

Besonders originell ist die Episode einer Alltagsinszenierung mit Jürgen Vogel und Anna Böttcher. Ein "typischer" Sonntag in einer kinderreichen Arbeiterfamilie irgendwo in beengten Wohnverhältnissen wird hier gezeigt. Kinder schreien, der Fernseher läuft, Vater nervt, Gameboy tönt, die Mutter ist verzweifelt. Bis sie plötzlich einen zum Platzen nahe mit dem Staubsauger aufgeblasenen Luftballon über ihren Kopf stülpt und wie in einer Fruchtblase schwimmend das Chaos um sich herum hinter sich lässt - und trotz der erstickungsbedrohlichen Situation zum ersten Mal das Gefühl von freiem Durchatmen hat und so die Muße gewinnt den Worten von Ingeborg Bachmanns "Nach grauen Tagen" zu lauschen.

Es mag dies einer der eher dramatischen Momente von "Poem" sein. An aussagekräftigen und magischen Bildern aber mangelt es dem auch im Himalaja, in Brasilien, Spanien und Island aufgenommenen Film gewiss nicht. Selbst der Blick in biedere deutsche Schlafzimmer zu Erich Kästners von Anna Thalbach gesprochenem "Kleines Solo" birgt da eine gewisse Faszination. Das filmische Experiment am besten drückt das von Meret Becker in einer surrealen Theaterszene untergebrachte Gedicht "Sozusagen grundlos vergnügt" von Mascha Kaléko aus. Dort heißt es: "Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehen" und "Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne / Und an das Wunder niemals ganz gewöhne. / Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu! / Ich freu mich, dass ich ... Dass ich mich freu." Hören und Sehen wird einem bei dieser Hommage an die Macht der Poesie nicht vergehen.
-Thomas Volkmann-