Die Ameise der Kunst

(Animals of Art – von Menzel bis Meeze) Deutschland 2010 – 94 Min. – von Musikfilmer Peter Sempel. Mitwirkende: Jonathan Meese, Daniel Richter, Neo Rauch, Bazon Brock, Blixa Bargeld u.a.
DiePeter Sempel drehte bereits in den 1980er Jahren seine ersten experiementellen MusikKunstfilme, in denen er die unterschiedlichsten Richtungen und Einflüsse auf wilde Weise miteinander kombinierte. Sein neuester Film "Die Ameise der Kunst" taucht ab in der Welt von mehr als 50 Kulturschaffenden und Künstlern wie Jonathan Meese, Daniel Richter und Neo Rauch...

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Jonathan Meeze steht hier im Mittelpunkt, dennoch handelt es sich nicht um ein Biopic, sondern – wie für Sempel typisch – eine Collage von Bildern und Bildausschnitten, mit denen er frei assoziierend den modernen Kunstbetrieb an Meeze spiegelt. Der ist der Vertreter eines ’Bad Painters’, ruft die Diktatur der Kunst aus und fasst sich als deren Diener auf. Kunst kann man nicht machen, Kunst macht sich selber und so ist man – und auch er – immer nur ein Diener der Kunst, der ihr zum Ausdruck verhilft. Er tut das, weil er keine andere sinnvolle Beschäftigung sieht. Ohne Lohn zu erwarten, malt er ein Bild nach dem anderen. Baselitz entlarvt diese Einstellung einmal als Masche, die durchaus legitim sei, denn der Künstler muss auf sich aufmerksam machen und dazu ist jedes Mittel recht.

So zeigt Sempel neben Bildern und Skulpturen auch Performances von Meeze, in denen er seine Positionen geradezu herausbrüllt, was wiederum seinem Malstil durchaus ähnlich ist. Seine Maltechnik kann man durchaus als schmieren und klecksen bezeichnen, weshalb Sempel gelegentlich das Malen von Schulkindern dagegen schneidet. Und dennoch erreicht die Kleckserei einen Höhepunkt in einer Mal–Session mit Daniel Richter, bei der die beiden Bilder am Fließband produzieren und Meeze kann es nicht lassen, in Richters Bildern herumzuschmieren, was dieser mit der Bemerkung "Eben noch ein Meisterwerk, jetzt nur noch ein Meeze" quittiert. Darüber hinaus wird Meezes Kunst von theoretischen Beiträgen von Bazon Brock kommentiert, dem Sempel aber gerne mal mittels Schnitt ins Wort fällt. Überhaupt verlegt Sempel seine Kommentare auf den Schnitt. Er kommt lediglich mit ein paar Fragen vor, ansonsten schneidet er frei assoziierend Bilder aus der Tierwelt ein. Die kommentieren zum Teil das Gesagte und Gezeigte, decken Widersprüche auf und fungieren als humoristischer Kommentar, wie Sempel den gesamten theoretischen Hintergrund der gezeigten Kunst in Frage stellt, seine emotionale Kraft aber uneingeschränkt anerkennt.

Dies zu unterstützen gelingt ihm nicht nur mit Bildern aus der Natur, sondern auch durch den Vergleich mit alten Kunstwerken und insbesondere durch die Musik, die er seinem Film so vordergründig hinterlegt, dass er ihn selbst ein Art–Musical nennt. Dabei greift er sowohl auf klassische, wie auch auf moderne Musik zurück und irgendwie geht der Vergleich zwischen Klassik– und Hard–Rock–Musik mit dem Vergleich der klassischen Malerei mit der modernen einher. Letztlich bedient er sich bei seiner Film–Musik–Collage eines ähnlichen Arbeitsstils wie Meeze selbst, indem er wild drauf los schneidet, Bilder mit anderen gegenschneidet, dabei frei assoziiert und das Ganze mit Musikfetzen übertüncht. Was dabei herauskommt erscheint eher unwillkürlich als geplant, kann gelegentlich Kopfschütteln auslösen, öffnet aber auch Räume für Zufälle in denen Musik, Bild und Aussage eine tiefe wahrhaftige Verbindung eingehen.

Kalle Somnitz