AntichristDänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden, Italien, Polen 2009 – 104 Min. – Farbe – Beste Darstellerin, Cannes 2009 – Regie: Lars von Trier. Mit Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe u.a. Vor gut 25 Jahren führte Ingmar Bergman in "Szenen einer Ehe" den Geschlechterkampf durch ein beinahe dreistündiges Streitgespräch in eine neue Dimension. Dies gelingt auch Lars von Trier, allerdings lässt er den Verstand aus dem Spiel und führt diesen Kampf mit ganz anderen Waffen: Mit Sex und Gewalt. Er schreckt dabei nicht vor eindringlichen Bildern zurück, die in Cannes einen kleinen Skandal auslösten. Das einzige, was beiden Filmen gemein ist, sie können sich auf ihre hervorragenden Darsteller verlassen.zurück | Mehr darüberSo verzichtet von Trier darauf, seinen Protagonisten einen Namen zu geben. Sie sind eh die beinahe einzigen Schauspieler und stehen einfach nur für Mann und Frau. Gespielt werden sie von Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourgh, und was er ihnen zumutet, ist wieder einmal grenzwertig. Aber im Gegensatz zu früheren Filmen, bei denen sich Nicole Kidman und Björk über den exzentrischen Regisseur beschwert haben, ist von Charlotte Gainsbourgh nur Gutes zu hören.Der Film beginnt schon mit einer deftigen Sexszene. Er und Sie lieben sich, erst unter der Dusche, dann im Bett. Von Trier wählt ausgesprochen explizite Bilder, doch die Katastrophe spielt sich im Hintergrund ab. Der kleine Sprössling hat das Bettchen verlassen, klettert auf die Fensterbank und fällt aus dem Fenster. Die folgenden Szenen hat von Trier in vier Kapitel aufgeteil, die er mit "Trauer", "Schmerz", "Verzweiflung" und "Die drei Bettler" übertitelt. Die Trauer kann insbesondere Sie nicht überwinden, und als auch die Ärzte nicht weiter helfen können, nimmt Er, ein ausgebildeter Psychologe, die Dinge selber in die Hand. Er fragt, wovor sie sich am meisten fürchtet. Sie sagt: "der Wald". Also reisen sie in ein einsam gelegenes Waldhaus namens "Eden" und setzen dort die Therapie fort. Auf der Suche nach ihren Ängsten stellt Er fest, dass Sie am meisten Angst vor sich selbst hat, doch bald wird auch Er Grund haben sich vor ihr zu fürchten. Dabei schreckt Lars von Trier nicht vor extremen Bildern zurück, die auf der einen Seite provozieren und nur schwer zu ertragen sind, auf der anderen Seite aber auch eine beinahe surreale Schönheit haben und in ein ästhetisches Konzept eingebunden sind, das diesen Film zu einem Kunstwerk werden lässt – komplex in seiner Symbolik, vielschichtig in seiner Thematik. er beginnt mit der Genesis und endet mit der Apokalypse. Man kann ihn als einen Horrotrip ins eigene Unterbewussstsein beschreiben. Dabei spielt von Trier virtuos auf der Klaviatur unserer (Alb–)Träume und Urängste, vermischt religiöse Motive mit denen aus der Märchen– oder Traumwelt und lässt alles anklingen, was wir erfolgreich verdrängt zu haben glaubten. Das ist vielleicht das am meisten Beängstigende an diesem Film, dem sich wohl niemand entziehen kann und grundlegende Fragen unseres Daseins stellt. Dabei ist von Trier nicht an den Antworten interessiert, sondern vielmehr am Schrecken, den diese Fragen bei uns auslösen. In Cannes war gelegentlich von einem ’kranken Geist’ zu hören. Wenn man sich auf ihn einlässt, ist er sicherlich auch befreiend. |