Beuys

Deutschland 2017 – 107 Min. – Berlinale Wettbewerb – Ein Film von Andres Veiel.
BeuysDass gerade Andres Veiel („Black Box BRD“) sich einer ersten umfangreichen Dokumentation über Joseph Beuys annimmt, kann als Glücksfall für das Kino bezeichnet werden. In collagenhafter Form erschließt er eine Fülle von bisher unbekanntem Archivmaterial und folgt dabei, im Sinne des Künstlers, keiner biographischen Abbildungslogik, sondern dem Denken und Arbeiten von Beuys selbst. Es ist sicher einer der schwierigsten Schritte im dokumentarischen Filmschaffen, sich für eine Form zu entscheiden, in der man sich dem gewählten Sujet annähern kann. Im Gegensatz zu vielen vorstrukturierten Fernsehformaten, bietet der künstlerische Dokumentarfilm Möglichkeiten zwischen Zuschauer und Leinwand einen offenen Raum zu gestalten, in dem eine Neu-Involvierung mit der Welt stattfinden kann.

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Hier trifft sich die filmische Strategie von Veiel mit Beuys ästhetischen Konzepten zum kreativen Prozess als einem gemeinschaftlichen und politischen. Anstatt der Gefahr einer distanzierten Verklärung zu erliegen, wie sie vielen Künstlerporträts widerfährt, verzichtet Veiel auf jede didaktische Rahmung und lässt sein Material für sich sprechen. Diese Fähigkeit, aus einer Flut an visuellen Zeugnissen und hinterlassenen Artefakten eine Sprache vernehmbar zu machen, ist die große künstlerische Leistung von Veiel und seinem Team. Durch die Montage der Bilder entsteht nach und nach eine Nähe zur Person Beuys, die immer schon aufs Intensivste mit der eigenen Arbeit verschränkt ist, die ihre Energie mit einer beeindruckenden Distanzlosigkeit in sie hineingibt.

Einen Film über Beuys zu machen, kann nicht heißen, eine Fettecke abzufilmen.

Veiel zeigt in seinem Relationierungsprozess der Archivfülle ein großes Gespür für die performativen Dimensionen der Arbeiten, Beuys Konzepten einer sozialen Plastik und ihren gesellschaftspolitischen Konsequenzen. So präsentiert er Mitschnitte einiger Aktionen, die für sich selbst bereits eine erstaunliche Re-Aktualisierung der energetischen Atmosphäre auslösen, man bekommt eine Gefühl für die Dringlichkeit dieses Ausdruckes in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, bei den jungen Menschen, die nach einer anderen Weise suchen, ihr Leben als Gemeinschaft zu gestalten. Und Beuys ist sensibel für diesen Zeitgeist, der sich trotz der medialen Vermittlung durch das körnige Filmmaterial noch immer überträgt. Zusätzlich schaltet Veiel auch immer wieder die Kommentare von Wegbegleitern dazwischen, die ihre eigene Beziehung zu Beuys reflektieren und auf diese Weise dem Zuschauer weitere Dimensionen seines Umfeldes auffächern. Was vielleicht am meisten überrascht, ist der sehr unmittelbare und bodenständige Humor, mit dem Beuys immer wieder kampflustig die faschistischen Überhänge und konservativen Strukturen pariert, so wie in einer ausführlich gezeigten Podiumsdiskussion mit Arnold Gehlen, der dort versucht, Beuys öffentlich vorzuführen. Wie dieser jedoch die Situation umdreht und seine Kunst gerade dadurch verteidigt, dass er ihre relationalen Qualitäten aufzeigt (die Gehlen selbst völlig abgehen), gibt einen Eindruck davon, was in den Installationen auf dem Spiel steht. Und hier zeigt sich auch nach wie vor die Aktualität der Fragen, die Beuys gemeinsam mit anderen formulieren konnte, die

Notwendigkeit Demokratie zu verwirklichen, indem man sie als ein ästhetisches Projekt versteht. Und die Kunst selbst nicht als elitäre Sphäre abzugrenzen, sondern sie gerade als die Praxis der gesellschaftlichen Teilhabe zu verstehen, ihre politische Dimension erfahrbar werden zu lassen – das erscheint heute, angesichts der Krise repräsentationaler Politik, dringlicher denn je.

Bewusst setzt Veiel in seiner Wiederbegegnung mit Beuys Leerstellen und Auslassungen – auch um der enigmatischen und zurückgezogenen Seite des Künstlers gerecht zu werden. Seine Auseinandersetzung mit dem Archiv des Hamburger Bahnhofs in Berlin, in Unterstützung durch die Witwe Eva Beuys, ermöglicht dem Zuschauer gerade im Reflexionsraum Kino, auf faszinierende Weise selbst Teil dieser Begegnung zu werden.

Silvia Bahl