Borg/McEnroe

Schweden 2017 - 100 Min. - Eröffnungsfilm Toronto 2017 - Regie: Janus Metz. Mit Sverrir Gudnason, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgard, David Bamber, Björn Granath, Tuva Novotny u.a.
Borg/McEnroeAls bei dem renommiertesten Tennisturnier der Welt, den Wimbledon Championships, 1980 der amtierende Weltmeister und bereits vierfache Sieger Björn Borg auf seinen Rivalen John McEnroe trifft, hält die Welt im Stadion und vor dem Fernseher den Atem an. Es ist das Sportereignis des Jahres — zwei herausragende Spieler, zwei divergierende Mentalitäten — der coole, wortkarge Schwede trifft auf den heißblütig-impulsiven Amerikaner. Janus Metz überträgt das legendäre Duell in diesem Biopic auf die große Leinwand und setzt den beiden damals von den Medien umschwärmten Persönlichkeiten ein Denkmal.

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Gleich zu Anfang wird ein Bild geliefert, das geradezu exemplarisch den mentalen Zustand des 24jährigen Björn Borg (Sverrir Gudnason) wiedergibt: Er steht an der Brüstung eines Balkons, sieht angespannt die vielen, vielen Stockwerke hinab in die klaffende Tiefe, klammert sich an das Geländer und beginnt, in voller Körperspannung Stemmübungen am Geländer anzustellen, den Blick stets nach unten gerichtet. Wer hoch aufsteigt, kann umso tiefer fallen. Gleich viermal in Folge gewann er den Weltmeistertitel und hat nun ein fünftes Mal die Chance, womit er zusätzlich einen neuen Rekord aufstellen würde. Die große Hürde personifiziert der junge Amerikaner John McEnroe (Shia LaBeouf), der in allen sichtbaren Wesenszügen das genaue Gegenteil Borgs zu markieren scheint — sein Temperament ist hitzig, seine Spielweise nahezu unberechenbar und aggressiv, er selber eine polarisierende Marke. Kaum verwunderlich, dass sich die Journalisten auf dieses gefundene Fressen stürzen und die unterschiedlichen Kontrahenten samt ihrer Rivalität, sowie das anstehende Spiel zu mythischer Proportion hochstilisieren.

Regelmäßig werden mit Rückblenden Brücken zur Vergangenheit geschlagen, in der das undurchdringliche Wesen Borgs und der Start seiner internationalen Karriere entblättert wird. Hierbei nimmt insbesondere sein Mentor und Manager Lennart Bergelin (Stellan Skarsgard), zu dem er auch im Erwachsenenalter eine tiefe Freundschaft hegt, eine fundamentale Rolle ein. Dass er selber in seiner Jugend leicht in Rage zu bringen war, erklärt auch das wortlose Verständnis für McEnroe, der seinen inneren Ruhepol zum Zeitpunkt der Wimbledon Championships noch lange nicht gefunden hat. Dessen Ursprünge kommen bedauerlicherweise etwas zu kurz. Auch deswegen schade, weil Shia LaBeouf die Rolle förmlich auf den Leib geschneidert ist. Die Unsicherheit und Verletzbarkeit seiner Figur transportiert er auf bravouröse Weise und ringt dem Zuschauer das Verständnis für den schwierigen Charakter ab, das die auf ihn bezogene, hauptsächlich negative Presse seinerzeit unterminierte. Schließlich gipfelt der Film im schweißtreibenden, alles entscheidenden Spiel - dem Tiebreak, das als eines der besten Spiele überhaupt, Sportgeschichte schrieb. Dieses wird, vergleicht man den Schlagabtausch mit Originalmitschnitten, in aller Akribie nachgestellt. Dort entlädt sich in nervenzerreißender Intensität endlich die über die Laufzeit angestaute Spannung, es wird zu den mitfiebernden Gesichtern der Verwandten — Borgs Ehefrau, seinem Mentor, McEnroes Vater — geschnitten. Am deutlichsten wird diese jedoch von den hochkonzentrierten Blicken erzeugt, die sich Shia LaBeouf und Sverrir Gudnason zuwerfen und einem damit vor jedem Schlagabtausch regelrechte Stromstöße durch den Körper jagen. Selbst Sportmuffel dürften hiervon mitgerissen werden!

Nathanael Brohammer