Born to be blue

Kanada, Großbritannien 2016 – 97 Min. - Regie & Drehbuch: Robert Budreau. Mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie, Tony Nappo, Stephen McHattie u.a.
BornEr galt als „James Dean des Jazz“ und „King of the Cool“: Der weiße Trompeter und Sänger Chet Baker. Inbegriff des Hipsters, der nur für die Musik lebte. Doch der Meister des lyrisch-melancholischen Tons kämpfte sein Leben lang gegen Dämonen. Seine Karriere eine Achterbahnfahrt, geprägt von Gefängnisaufenthalten, Ausweisungen, Comebacks und zahllosen Affären. Der ideale Filmstoff. Einen Ausschnitt dieses bewegenden Lebens vom Tiefpunkt zu erneutem Ruhm bringt der kanadische Regisseur und Drehbuchautor Robert Budreau grandios auf die Leinwand. Meisterhaft verkörpert dabei Ethan Hawke mit zurückhaltendem Charme diesen verletzlichen Cowboy aus Oklahoma, den es in die rauchigen Nachtclubs der Großstädte verschlug.

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Italien, 1960. Chet Baker liegt auf dem harten, kalten Boden einer Gefängniszelle. Grund: Seine Drogensucht. Neben ihm seine Trompete, seine Geliebte. Aus dem Schalltrichter kriecht langsam eine große Spinne. Im Delirium erinnert er sich in schwarz-weiß Bildern an seine erfolgreicheren Tage. Seinen Auftritt sechs Jahre davor im legendären New Yorker Jazzclub Birdland. Baker, der „James Dean des Jazz“, war damals die Sensation im Jazz, der weiße Hipster von der Westküste.

Saxophon-Ikone Dizzy Gillespie und Ausnahmetrompeter Miles Davis sitzen im Publikum. Als er anschließend Miles nach seiner Meinung fragt, sagt dieser nur: „Süß wie Candy“. Er rät dem sensiblen „King of the Cool“, wieder an den Strand zu gehen und erst noch ein wenig zu leben, damit seine Musik wirkliche Tiefe bekommt. Chet versucht es, wie so viele vor ihm, mit Heroin. Und scheitert in diesem Film im Film.

Denn Regisseur Robert Brudeau verblüfft mit raffinierten Rückblenden in Schwarz-Weiß. Sein Einstieg zeigt Chet Baker bei einem Dreh im Studio. Einer, der vielen Rettungsversuche. Diesmal ist es Filmproduzent, der ihm dem Anker zuwirft. Sein Leben soll verfilmt werden. Am Set lernt er die junge Schauspielerin Jane Azuka (Carmen Ejogo) kennen und lieben. Doch ein weiterer Schicksalsschlag zerstört erneut jede Hoffnung. Zwei junge Männer, seine früheren Dealer, überfallen ihn. Sie schlagen ihn brutal zusammen. Er verliert seine Zähne. Eine Katastrophe für einen Trompeter, der ohne obere Zahnreihe seinen Ansatz am Mundstück verliert - und damit seinen Ton. Aber Baker gibt nicht auf. Qualvoll bringt er sich das Spielen wieder bei, mit künstlichem Gebiss. Angezogen sitzt er in der Badewanne. Blut läuft ihm aus dem Mund. Schmerzhaft presst er die Töne aus seiner Trompete. Gesicht und Kleider sind bald völlig verschmiert. So findet ihn Jane, die ihn selbstlos unterstützt. Ihre Liebe gibt ihm Halt. Ein Comeback scheint möglich, doch dafür muss er sich entscheiden, zwischen ihr und den Drogen...

Mit unglaublicher Intensität verkörpert Charakterdarsteller Ethan Hawke, mit meist straff nach hinten gekämmtem Haar, Accessoires wie Sonnenbrille und lässig schicken Sixties-Anzügen, diesen tragischen und faszinierenden Musiker. Und wenn er die berühmten Songs aus Bakers Repertoire wie „My funny Valentine“ interpretiert, stellen sich einen die Nackenhaare auf, und man meint zu erahnen, wie es gewesen sein muss, wenn man ihn live erlebt hat. Bereits in den 1980er Jahre drehte Modefotograf Bruce Weber mit „Let's get lost“ einen Dokumentarfilm über sein Leben und der Schauspieler Don Cheadle setzt in seinem Regiedebüt „Miles Ahead“ auf eine indirekte Annäherung an Miles Davis, indem er Motive aus dessen Vita mit freien Erfindungen kombiniert. Das Ergebnis ist eine waghalsige Mischung aus Krimi, Melodram und absurder Komödie, die gerade durch ihren improvisatorischen Stil zu einem ausgesprochen stimmigen Porträt wird. Beide Filme sind im Rahmen einer Jazz-Filmreihe im Juni/Juli im Souterrain zu sehen.