Bye Bye Berlusconi!

Deutschland 2006 – 86 Min. – Farbe – Femina–Preis, Berlinale 2006 – Regie: Jan Henrik Stahlberg. Mit Maurizio Antonini, Lucia Chiarla, Pietro Bontempo, Jan Henrik Stahlberg u.a.
ByeDer Film beginnt mit einer Entführung. Das Opfer ist unschwer zu erkennen: Es ist niemand Geringeres als Italiens amtierender Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Doch der Schein trügt. Schnell entpuppt sich die Szene als Teil eines engagierten Filmprojektes, das Italien über die Machenschaften Berlusconis aufklären und zu dessen Abwahl führen soll. Der deutsche Schauspieler Jan Henrik Stahlberg überzeugt in seiner ersten Regiearbeit nach seinem furiosen "Muxmäuschenstill", wo er als Schaupieler und Drehbuchautor reüssierte, mit einer überspitzten Satire, die sich dennoch eng an die Realität hält.

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Wenn man einen Film gegen einen der reichsten und mächtigsten Männer Europas macht, läuft man Gefahr, damit nicht im Kino zu landen, sondern im Gefängnis. Und so erweist sich das Projekt für die Filmcrew, die es umsetzen will, auch wahrlich nicht als Kinderspiel. Bereits am ersten Drehtag zeigt sich, dass sich das Team übernommen hat, der Abbruch droht. Der eigens für das Projekt engagierte Anwalt rät zu einem absurden Trick, um das Ganze eindeutig als Satire kenntlich zu machen. Kurzerhand wird die Geschichte von Italien nach Entenhausen verlegt, regiert von Micky Laus, dem größten Melonenhändler der Stadt.

Trotz seines satirischen Charakters orientiert sich "Bye Bye Berlusconi!" in den juristischen Details streng an der Realität. Sämtliche Anklagen im Film gegen den kriminellen Bürgermeister Micky Laus sind reale Vorwürfe. Berlusconi und seine Mitarbeiter waren in zahlreiche Strafverfahren verwickelt, in denen es um die Nähe zur Mafia, um Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung und Bestechung ging. In keinem dieser Fälle wurde Berlusconi verurteilt und ein großer Teil der Verfahren ist verjährt. Andere Anklagen wurden fallen gelassen, weil zwischenzeitlich die Gesetze von der Regierung Berlusconi zu seinen Gunsten geändert wurden.

Auch konnte Stahlberg im Film auf eigene Erfahrungen bei der Umsetzung seines Berlusconi–Films zurückgreifen. Immer wieder platzten kurzfristig Drehtermine aus fadenscheinigen Gründen. "Da hieß es plötzlich, ihr könnt in dem Schuppen doch nicht drehen, weil die Gasrechnung nicht bezahlt ist", berichtet Stahlberg. "Außerdem haben viele Leute, die eigentlich zugesagt hatten, nicht mitgearbeitet, weil sie Ärger vermeiden wollten. Auf jeden Fall ist ein gewisses Unwohlsein und das Gefühl beobachtet zu werden schon dabei, wenn man einen Film gegen einen der sieben reichsten Männer der Welt macht".

Nicht nur die geschickte Vermengung von Fiktion und Realität vermag in Stahlbergs Regiedebüt zu überzeugen, sondern auch Maurizio Antonini als perfekter Doppelgänger Berlusconis. Der ehemalige Schuhverkäufer sieht dem italienischen Ministerpräsidenten so ähnlich, dass einige Berliner Zeitungen bei der Europapremiere von "King Kong" Ende letzten Jahres schrieben, Berlusconi sei als Überraschungsgast nach Berlin gekommen. Tatsächlich war es Antonini, der von der Satirezeitschrift Titanic eingeladen worden war.

Der Film wurde im Original auf Italienisch gedreht, um möglichen Vorwürfen zu entgehen, Deutsche würden sich in italienische Angelegenheiten einmischen. Doch ob "Bye Bye Berlusconi!" Einzug in die italienischen Kino halten wird, ist fraglich. Allen maßgeblichen Verleihern war die Angelegenheit zu heiß und haben bisher abgewunken.

Anne Wotschke