Joschka und Herr Fischer

Deutschland 2011 – 140 Min. – Dokumentarfilm von Pepe Danquart. Mit Joschka Fischer, Hans Koschnik, Katharina Thalbach, Daniel Cohn–Bendit, Johnny Klinke, Roger de Weck, Fehlfarben u.a.
JoschkaFür seinen Kurzfilm "Schwarzfahrer" bekam Pepe Danquart einen Oscar. Später fiel er hauptsächlich mit Sport–Dokus wie "Am Limit", "Nach Saison" und "Höllentour" auf und landete in einer Ecke, in die er gar nicht wollte. Jetzt erfüllt er sich einen Traum: Mit dieser Biographie von Joschka Fischer ist ihm ein unterhaltsamer politischer Film gelungen.

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"All meine Dokumentarfilme haben Spielfilmqualität" sagt Pepe Danquart und meint, dass er das dem zahlenden Publikum auch schuldig ist. "Natürlich habe ich den Anspruch, dass die Leute klüger aus dem Kino kommen, als sie reingehen, doch dieser Erkenntnisgewinn muss unterhaltsam sein". Hehre Vorsätze für eine fast zweieinhalbstündige Dokumentation über einen Politiker, die Danquart mühelos einlöst. Hierzu hat er zunächst 24 kurze Filme über Lebensabschnitte Fischers gedreht, die er am Drehort in einem weiträumigen Kellerraum in Endlosschleifen auf Glaswände projiziert. In diesem Raum steht Joschka dann quasi in seiner eigenen Geschichte und erzählt: Gewohnt eloquent, aber auch selbstironisch, dann wieder ernsthaft, manchmal etwas eitel und gelegentlich auch kämpferisch. Die Bilder auf den Glaswänden laufen im Hintergrund und erinnern nicht nur den Zuschauer an die vergangenen Zeiten, sondern bieten auch Fischer eine Art roten Faden, der die Erinnerungen wieder wach werden lassen.

Zwischen die einzelnen Ausführungen Fischers schneidet Danquart Statements von Zeitgenossen und Weggefährten, u.a. von der Band ’Fehlfarben’, von Johnny Klinke, der mit Fischer bei Opel arbeitete, von Roger de Weck, dem großen Intellektuellen, den er in seiner Zeit als Außenminister kennen lernte und nicht zuletzt mit seinem ständigen Wegbegleiter Daniel Cohn–Bendit, mit dem er quasi einen Dialog montiert, der Cohn–Bendit als Denker und Fischer als Lenker darstellt. Zusammen mit einigen Originalaufnahmen entsteht so ein überzeugendes Portrait von sechs Jahrzehnten deutscher Nachkriegsgeschichte, die anders als so manche Geschichts–Doppelstunde zu einem amüsanten und dennoch aufschlussreichen Ausflug wird.

Das ist neben Danquarts Arrangement vor allem einem gelösten Joschka Fischer zu verdanken, der befreit von allen Ämtern, aus dem Nähkästchen plaudert und dabei kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. Das fängt an mit seiner Zeit als Stadtguerillero in Frankfurt, wo er Vorlesungen von Adorno, Horkheimer, Habermas besuchte, obwohl er gar nicht immatrikuliert war, geht weiter mit seiner Begegnung mit den Arbeitern bei Opel in Rüsselsheim, wo er sechs Jahre lang arbeitete und verschweigt auch nicht die politische Sackgasse, in die ihn die Radikalisierung der Sponti–Bewegung führte. Fischer verabschiedete sich aus dem Widerstand und fuhr jahrelang Taxi, bis er 1982 bei den Grünen wieder auftauchte. Er erzählt von seinem Einzug als Umweltminister in den Hessischen Landtag, wo er plötzlich Leiter eines Verwaltungsapparates wurde, den er bis dato immer bekämpft hatte. Anekdotenreich beschreibt er sein eigenes Scheitern, aber auch, dass er in dieser Zeit begriffen hat, wie eine Verwaltung funktioniert und wie man sie führen muss, ein Wissen, das ihm bei der Übernahmen des Außenministeriums noch hilfreiche Dienste leisten sollte.

Pepe Danquart setzt Fischer kein Denkmal, sondern zeigt seinen Werdegang vom Getriebenen der Geschichte zum Geschichte schreibenden Staatsmann. Dabei war er immer erst seinem Gewissen verpflichtet, Parteipolitik und Machterhaltung stehen immer erst an zweiter Stelle. Jedenfalls kann er jede seiner Entscheidungen, egal ob das "ja" zum Kosovo–Krieg, das ihm die Beschimpfung als Kriegshetzer einbrachte, oder sein "nein" zum zweiten Irakkrieg, mit dem er Amerika die kalte Schulter zeigte, mühelos vertreten. Über seine Positionen lässt sich sicherlich prächtig debattieren, doch dass es uns heutzutage an solchen politischen Charakterköpfen fehlt, dagegen nicht.

Kalle Somnitz