Ein Kuss von Beatrice

(Sage Femme) Frankreich, Belgien 2017 – 117 Min. – Regie: Martin Provost. Mit Catherine Frot, Catherine Deneuve, Olivier Gourmet, Quentin Dolmaire, Mylène Demongeot u.a.
EinIn „Zwei ungleiche Schwestern“ fetzte sich Catherine Frot für den Zuschauer äußerst unterhaltsam mit ihrer Filmschwester Isabelle Huppert, nun trifft sie in „Ein Kuss von Beatrice“ erstmals auf ihre Namensvetterin Catherine Deneuve — und wieder prallen bei dieser Begegnung zweier Stars des französischen Kinos Protagonisten aufeinander, deren Charaktere unterschiedlicher nicht sein könnten.

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Claire (Catherine Frot), alleinerziehende Mutter eines erwachsenen Sohnes, ist Hebamme mit Leib und Seele und leidet unter der modernen Technik, die ihren Job immer unpersönlicher macht und mehr Wert auf Effizienz als auf Claires Einfühlsamkeit legt. Doch bald wird sie ganz ohne Arbeit dastehen, denn ihre Entbindungsstation wird geschlossen und den ihr angebotenen Wechsel zu einer großen Klinik im Nachbarort möchte sie nicht annehmen. „Zu sehr Massenabfertigung und dadurch viel zu unpersönlich“ meint sie.

In dieser Lebenskrise erhält sie einen Anruf von Beatrice (Catherine Deneuve), der frivolen und extravaganten Ex-Geliebten ihres verstorbenen Vaters. Beatrice hat wichtige Neuigkeiten und möchte, nach 30 Jahren Funkstille, nun dringend ein Wiedersehen. Claire ist alles andere als begeistert, schließlich hat sie jetzt andere Sorgen und die extravagante Lebensweise der extrovertierten Beatrice war ihr schon immer suspekt.

Schließlich lässt sie sich doch zu einem Treffen überreden, und zunächst scheint es so, als habe sich bei der Besucherin aus der Vergangenheit ihres Vaters wenig verändert. Zwar hat das Alter sichtlich Spuren hinterlassen, kein Grund für sie jedoch, das Leben weniger zu genießen. Das wird gleich beim ersten gemeinsamen Restaurantbesuch deutlich. Wie Claire einen leichten Salat oder fleischlose Kost bestellten? Für Béatrice kein Thema, das größte Steak auf der Karte muss her, Pommes und ein Glas Wein inklusive. Dezente Kleidung ist nach wie vor nicht ihr Ding, in ihren High Heels und der auffälligen Leopardenbluse zieht sie sofort alle Blicke auf sich – und genießt es sichtlich. Ganz im Gegensatz zu Claire, der das auffällige Auftreten ihrer Tischgenossin sichtlich unangenehm ist. Kurzum mit den beiden prallen Welten aufeinander.

Doch trotz aller Vorbehalte seitens Claires bleibt es vor allem dank Béatrices Hartnäckigkeit nicht bei diesem ersten Treffen. Gesprächsstoff gibt es schließlich genug, denn so einige unbewältigte Familiengeheimnisse drängen an die Oberfläche und bieten Stoff für hitzige Diskussionen. Und wie sich herausstellt, sucht Béatrice auch nicht ganz uneigennützig den Kontakt zur Tochter ihres früheren Geliebten. Ein unheilbarer Tumor habe ihr Gehirn befallen, gesteht sie, und sie sei auf der Suche nach einer Pflegerin, die ihr in den letzten Tagen ihres Lebens beistehen kann. Trotz des anfänglichen Widerwillens wird nun Claires altruistische Ader angesprochen. Und bei jedem weiteren Treffen wird klarer, dass nicht nur Béatrice von der Begegnung dieser so unterschiedlichen Frauen profitiert.

Martin Provost erzählt diese Rückschau in die Vergangenheit nicht linear, sondern wie ein Puzzle, das der Zuschauer Stück für Stück zusammensetzen muss. Das hält die Spannung aufrecht und auch die Chemie zwischen den beiden Catherines stimmt. Ganz nebenbei ist der Film auch ein leidenschaftliches Plädoyer für den Beruf der Hebamme, der dank zunehmender Rationalisierung und Einsatz neuer Technologien auszusterben droht.

Anne Wotschke