The Party

Großbritannien 2017 - 71 Min. - Silberner Bär, Berlinale 2017 - Regie: Sally Potter. Mit Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Patricia Clarkson, Cillian Murphy, Emily Mortimer, Cherry Jones u.a.
TheDie frisch gekürte Gesundheitsministerin Großbritanniens lädt ein. Zu einer heiteren Feier in kleinem Rahmen. Und was eigentlich als nettes Beisammensein mit Sektstößchen geplant war, eskaliert — bis sprichwörtlich die Fetzen fliegen. Sally Potter präsentierte ihre umjubelte, in distanzierterem Schwarz/Weiß gefilmte Persiflage auf der 67. Berlinale und konkurrierte um den Goldenen Bären. In 71 Minuten Laufzeit packt sie Sozial-, sowie Politkritik am bigotten britischen Liberalismus und arrangiert die bunte Konstellation skurriler Charaktere auf amüsanteste, frechste Manier. Kurzweilig, pointiert, hochunterhaltsam und der womöglich gewiefteste Film des Sommers.

zurück | Mehr darüber

Es klingelt an der Tür, die Gastgeberin Janet (Kristin Scott Thomas) öffnet und hält dem Zuschauer die Mündung einer Pistole vor, zitternd. Dann wird zurückgespult. Erneutes Türklingeln, erste Gäste sind da und Janet steckt inmitten der Vorbereitung ihrer kleinen Fete in privater Runde. Dauernd am Telefon, wo sie mit einem vermeintlichen Liebhaber tuschelt, merkt sie nichts von ihrem Gatten Bill (Timothy Spall), der nebenan im Wohnzimmer depressiv in seinen Sessel versunken ist und apathisch die ersten Gäste April (Patricia Clarkson) und Gottfried (Bruno Ganz) "empfängt". Nach und nach trudeln auch das lesbische Pärchen Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortimer) ein, sowie der schmierige Broker Tom (Cillian Murphy), eigentlich nur Anhängsel seiner eingeladenen Ehefrau, die aus unerfindlichen Gründen verhindert ist. Mit Sektgläschen im Wohnzimmer versammelt, darf nach einigen Anlaufschwierigkeiten nun auch endlich zelebriert werden, dass Janet neuernannte Gesundheitsministerin ist. Martha und Jinny eröffnen beiläufig, dass Letztere durch eine künstliche Befruchtung nun mit Drillingen schwanger ist - das sollte die Stimmung eigentlich heben. Bis der bisher geistig abwesende Bill aus seiner Sitzposition heraus nicht allein sein unheilbares Krebsleiden verkündet, sondern unmittelbar darauf bisher gut gehütete Geheimnisse ausspricht, die die ohnehin schon angeknackste Harmonie auf ein katastrophales Tief befördern. Plötzlich mutiert die illustre Runde zu einer angriffslustigen Meute, die willkürlich aufeinander losgeht.

Sofort erinnert man sich an Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels", in dem zwei Elternpaare die Streitsituation ihrer Kinder ausdiskutieren wollen und sich schließlich gegenseitig an die Gurgel gehen. Hier pfercht Sally Potter nun bourgeoise Liberale in das adrette Wohnhaus der frischgebackenen Gesundheitsministerin und entlarvt die menschliche Insuffizienz hinter den scheinbar nietundnagelfesten Prinzipien. Von der grandiosen Patricia Clarkson, die als Zynikerin treffsicher ihre bissigen Kommentare in die Runde streut und das Feuer anheizt, bis hin zu ihrem Begleiter Bruno Ganz, der als ihr esoterische Weisheiten versprühender Antipol die Harmonie aufrechtzuerhalten versucht, hat man seit einiger Zeit keine so kuriose Menschenansammlung mehr in so engem Raum auf einer Leinwand sehen dürfen.

Potters scharf beobachtetes Kammerspiel glänzt mit fulminanten Darstellerleistungen und lässt neben zündenden Gags auch gerne ungläubig an die Stirn fassen. Was sie hier an Themenmaterial in die für einen Kinofilm ungewöhnlich kurze Laufzeit packt, gelingt einigen Filmemachern nicht einmal in zwei ganzen Stunden. Dieser köstliche, facettenreiche, bitterböse Spaß demontiert in dem präzisen Schlagabtausch der Beobachteten das linke britische Bildungsbürgertum in einer Krisensituation und gerät zur gelungensten Karikatur.

Nathanael Brohammer