Das radikal Böse

Deutschland / Österreich 2013 – 96 Min. - Ein Dokumentarfilm von Stefan Ruzowitzky.
DasOscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) geht in seinem eindrucksvoll komponierten Film-Essay dem Unbegreiflichen nach — der Frage nach den Motiven der Holocaust-Verantwortlichen. Diese finden sich nicht nur in den allzu leicht dämonisierbaren Führungsetagen der politischen Elite, sondern vor allem in der Gesamtheit der Normalbürger, die sich zum Ausführen eines Völkermordes bereit erklärten oder ihn durch Tatenlosigkeit unterstützten. Psychologen, Historiker und Völkerrechtler analysieren in diesem ungewöhnlichen Doku-Format die Zusammenhänge von Kriegszeugnissen aus Briefen, Protokollen und Tagebüchern, die ein Bild zeichnen, das allzu gerne verdrängt wird: die zwischenmenschlichen Dynamiken, die derartige Verbrechen möglich werden lassen.

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Die Philosophin Hannah Arendt hatte in ihren Aufsehen erregenden Analysen Adolf Eichmanns bereits auf die „Banalität des Bösen“ verwiesen, deren schmerzhafte Konsequenz darin besteht, die Ursachen für die Grausamkeit totalitärer Systeme in den Menschen selbst zu suchen und den Umständen, die sie hervorbringen. Es ist nicht leicht, sich jenes „Böse“ als Möglichkeit der menschlichen Entwicklungs- und Handlungsfähigkeit vorzustellen, anstatt es als etwas Jenseitiges aufzufassen, von dem man sich distanzieren kann. Doch dies ist nötig, da es die Verantwortung für solche historischen Entwicklungen an den Menschen zurückgibt und sie auch einfordert. Ruzowitzkys thematischer Fokus liegt vor allem auf der systematischen Ermordung der jüdischen Bevölkerung Osteuropas durch die Nazionalsozialisten. Wie ist es möglich, dass die jungen Männer in der Lage waren, selbst Kinder aus nächster Nähe zu erschießen? Was bringt Menschen dazu solche Befehle auszuführen oder tatenlos zuzusehen? Warum ist es so schwer im Kontext totalitärer Systeme (zivilen) Ungehorsam zu zeigen?

Zu diesen Fragen äußern sich unter anderem Benjamin Ferencz, Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess, der Holocaust-Forscher Christopher Browning, Autor von „Ganz normale Männer“, der Psychiater Robert Jay Lifton, Mitbegründer der „Psychohistory“ und der amerikanische Militärpsychologe Dave Gossmann.

Sie kommentieren eine Fülle aus Zeitzeugnissen, die aus dem Off von Schauspielern wie Alexander Fehling, Devid Striesow und Nicolette Krebitz vorgetragen werden. Dazu inszeniert Ruzowitzky eindringliche Szenen, die den groben Zusammenhang visualisieren, ohne direkt der Tonspur zu entsprechen.

Das Einfließen von vielen Originalaufnahmen und Interviews mit Zeugen der Deportationen führt ebenfalls dazu, dass sich jenes Material in seiner ganzen Unheimlichkeit entfalten kann und dies stellt die größte Stärke des Films dar. Die Fülle der alltäglichen Beschreibungen, in denen die erlebte und verübte Grausamkeit im Zusammenhang mit dem Eigenen verhandelt wird, die Briefe, in denen neben detaillierten Beschreibungen der Morde über die Schönheit der Wiesen geschrieben wird und die mit „alles Liebe, euer Vati“ schließen. Analysen von Strukturen der (Ohn-)Macht durch die minimalistisch inszenierten psychologischen Experimente von Milgram, Standford und von Asch geben Aufschluss über den schwer zu widerstehenden Druck der Konformität, sie erklären allerdings nicht die Flut an abgelegten Zeugnissen durch die Täter, die vielleicht als Versuch der Entlastung durch Niederschrift gesehen werden können.

Ruzowitzky ist eine komplexe Analyse jener Zusammenhänge gelungen, die nicht versucht Schuldfragen aufzuheben, sondern sie in Hinblick auf die unmittelbare Verantwortung des Einzelnen neu zu stellen.

Silvia Bahl