Schande(Disgrace) Australien/Südafrika – 120 Min. – Farbe – International Critics’ Award, Toronto 2008 – Regie: Steve Jacobs. Mit John Malkovich, Jessica Haines, Eriq Ebouaney, Fiona Press, Scott Cooper, Charles Tertiens u.a. Der fast werkgetreu verfilmte Weltbestseller "Schande" des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee verliert auch auf der Leinwand nichts von seiner beklemmenden und verstörenden Wirkung. Unerbittlich spielt das explosive Drama um Rassismus, Sexualität, Schuld und Vergeltung in Südafrikas Postapartheid auf der Klaviatur kolonialer Urängste. Als zynischer Literaturprofessor, der glaubt im befreiten Land, kein Recht, keine Würde und keine Zukunft mehr zu haben, brilliert John Malkovich in der Hauptrolle.zurück | Mehr darüberEr spielt den weißen Literaturprofessor David Lurie als eine zerrissene Existenz. Der 52jährige Hochschulprofessor in Kapstadt lebt mit Byron, Joyce, Musil gleichsam in einem abendländischen Illusionstheater. Die Außenwelt jedoch bleibt dem alternden Don Juan eher fremd. Die Sprache der Afrikaner versteht er nicht. Ihre Kultur erscheint ihm rätselhaft, ja fast abstoßend. Zugleich freilich erweckt sie Sehnsüchte und Lüste. Manchmal sogar Schamgefühle über die Destruktivkräfte der eigenen Zivilisation.Als der selbstgefällige ’Homme de Lettres’ rücksichtslos seine Machtposition als Professor ausnutzt und eine Affäre mit einer seiner schwarzen Studentinnen beginnt, verwandelt sich sein Leben in einen Albtraum. Lurie wird entlassen. Auf der entlegenen Farm seiner Tochter Lucy am Ostkap sucht der zweimal Geschiedene Zuflucht. "Alles ist heute gefährlich", erklärt ihm dort Petrus, der schwarze Nachbar. Kurz darauf überfallen drei farbige Jugendliche die Farm, erschießen die Hunde und vergewaltigen seine Tochter. Lurie kann sie nicht beschützen. Eingesperrt in der Toilette übergießen ihn die Rachsüchtigen mit Brennspiritus und zünden ihn an. In demütiger Selbsterniedrigung nimmt Lucy ihre Schändung als Sühne für die historische Schuld der Vorväter hin. Im Gegensatz zu ihrem Vater unterwirft sie sich den scheinbar neuen Machtverhältnissen. Die Vergewaltigung, meint sie, sei der Preis, den man als Weiße zahlen muss, um bleiben zu dürfen. Stillschweigend glaubt Lucy, mit ihrem Martyrium eine Art Ausgleich schaffen zu können für die Jahrzehnte der Apartheid. Um vor weiteren Übergriffen geschützt zu sein, bietet die Alleinstehende dem schwarzen Tagelöhner Petrus ihr Land an. Im grellen, gnadenlos leuchtenden Licht des Südens legt der Film in ruhigen kontemplativ klaren Bildern schonungslos die Albträume der Südafrikaner bloß. Aber auch ihre seelischen Deformationen durch ein rassisches Kastenwesen aus der Vergangenheit. Schicht um Schicht. Mit "Schande" erreicht der australische Regisseur Stephen Jacobs eine Ebene, unter der zunächst nur noch immer währende Trostlosigkeit zu liegen scheint. Beeindruckend gelingt es dem 42jährigen mit den Mitteln des klassischen, linearen Erzählkinos die unleugbare Kraft dieses preisgekrönten bestürzenden Monuments der literarischen Ratlosigkeit, voller Metaphern und verschiedener Erzählebenen, auf die Leinwand zu bannen. Bestechend verkörpert dabei Oscarpreisträger John Malkovich die tragische Hauptfigur, den in Ungnade gefallenen, der alle seine Rollen verliert und verzweifelt nach neuen sucht. Unerbittlich raubte ihm das Alter seinen Nimbus als Frauenverführer, aber auch seine Vater–Tochter–Beziehung trägt nicht. Seine vielschichtige Ästhetik des Scheiterns vor der atemberaubenden Kulisse der südafrikanischen Landschaft gleicht einer emotionalen wie intellektuellen Tour de Force – für den Protagonisten ebenso wie für den Zuschauer. |