Shame

Großbritannien / USA 2011 – Coppa Volpi „Bester Hauptdarsteller“ Venedig 2011 – 100 Min. – Regie: Steve McQueen. Mit Michael Fassbender, Carey Mulligan u.a.
ShameDer Turner-Preisträger und international renommierte Videokünstler Steve McQueen realisiert folgend auf das in Cannes ausgezeichnete Politdrama „Hunger“ seine zweite Spielfilmarbeit erneut zusammen mit Michael Fassbender, der hier mit dem meisterhaften, eindringlichen Portrait eines Sexsüchtigen die vielleicht beste schauspielerische Performance des letzten Jahres zeigt. „Shame“ ist ein gewagter und großartiger Film, eine persönliche wie gesellschaftliche Fallstudie, die zeigt, dass McQueen die transformative Kraft des Kinos eindrucksvoll einzusetzen weiß.

zurück | Mehr darüber

Ein Mann liegt unbekleidet, drapiert in einem blauen Laken, regungslos, ohne Ausdruck. Durch die Rahmung der Kamera können wir ihn nicht verorten, in seiner ikonischen Starre könnte er ebenso ein Toter sein. Es ist genau jene Ambivalenz, die das Leben von Brandon (Michael Fassbender) bestimmt, eines erfolgreichen New Yorker Managers Mitte Dreißig.

Man könnte meinen, er sei am Zenit des westlichen Lifestyles angekommen, doch Brandons scheinbare Freiheit ist nur vordergründig: Hinter einem penibel konzeptualisierten Dasein verbirgt sich eine Obsession, die ihn verfolgt und beherrscht. Ständig muss er daran denken, bei jeder engen Jeans, jedem blonden Haar, jedem flüchtigen Blickkontakt - immer muss er es tun, mechanisch, allein, übers Internet, mit Prostituierten, die er sich in seine kahle Wohnung kommen lässt. Rauschhaft verfolgt ihn der Anblick fremder Haut und hat sich längst seiner Kontrolle entzogen. Auf dem Arbeitsplatz wird sein Computer konfisziert, angeblich wegen eines Virus, Brandon ahnt; es ist wegen der Pornos, die er runtergeladen hat.

Seine perfekte Fassade beginnt zu bröckeln, so wie einige penetrante Nachrichten auf dem Anrufbeantworter seine sorgfältig eingehaltene Privatsphäre plötzlich zersetzen. Eine junge Frauenstimme fleht darum gehört zu werden – und eines Abends findet sich seine Wohnung hell erleuchtet und vom Plattenspieler tönt vielsagend der Funk-Klassiker „I want your Love“.

Doch die nackte Frau, die Brandon zu seinem Entsetzen in der Dusche vorfindet, ist keine enttäuschte Liebschaft, sondern seine extrovertierte Schwester Sissy (Carey Mulligan), die in jeder Hinsicht gegenteilig zu sein scheint: Schrill, bedingungslos emotional und völlig chaotisch. Sie erbettelt sich einen Platz auf der Couch, solange sie in der Stadt einem Gesangsengagement nachgeht und Brandon schafft es nicht sie abzuwimmeln, obwohl er insgeheim schon befürchtet, dass dieses Wiedersehen eine schmerzhafte Vergangenheit heraufbeschwören und ihm die Kontrolle über seine klinische Existenz endgültig entreißen wird.

Steve McQueen gelingt mit „Shame“ ein intimes Portrait zweier scheinbar komplementärer Menschen, die über ihre Wunden in enger Verbindung stehen. Sissy besteht auf der Verantwortung, die ihr Bruder ihr schuldig sei, Brandon würde am liebsten vor jeglicher Verbindlichkeit davon laufen, so wie in der eindrucksvollen Sequenz, in der er durch die Stadt joggt, wie ein getriebenes Tier, auf der Flucht vor sich selbst und seiner Sucht. McQueen ist dezent genug dieses gemeinsam erlebte Kindheitstrauma nicht zu benennen – wir sehen nur die Narben, die es in beiden hinterlassen hat und die verschiedenen Obsessionen, die ihren Schmerz überlagern.

Auf einer anderen Ebene werden aber auch größere Zusammenhänge adressiert: Die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft, die Omnipräsenz der Werbung voller retuschierter Körper, die Vereinsamung in der Informationsgesellschaft, unser Umgang mit Pornografie, der, immer noch schamhaft belastet, schwer thematisiert werden kann.

So erzählt „Shame“ mit einer solch ungeheuren Intensität von körperlichen und seelischen Entblößungen, dass diese Bilder noch lange nachwirken.

Silvia Bahl