Der Stern von Indien

(Viceroy‘s House) Indien, Großbritannien 2016 - 106 Min. - Berlinale 2017 - Regie: Gurinder Chadha. Mit Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Manish Dayal, Huma Qureshi, Om Puri u.a.
DerDer von „Kick it like Beckham“-Macherin Gurinder Chadhas außer Konkurrenz auf der Berlinale gezeigte Wettbewerbsbeitrag „Viceroy’s House“ verdankt seinen Titel dem Schauplatz des Films. Viceroy‘s House war die prächtig ausgestattete Residenz des britischen Vizekönigs in Delhi während der Kolonialherrschaft Großbritanniens über Indien. Im Mittelpunkt des Geschehens steht nicht nur die dramatische Teilung des Landes in das muslimische Pakistan und das säkulare Indien im Jahre 1947, sondern auch die Liebesgeschichte von Jeet und Aalia, er Hindu sie Muslima, die genauso auseinander gerissen werden wie das ganze Land.

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Downton Abbey-Star Hugh Bonneville verkörpert hier den letzten dieser Vizekönige — Lord Mountbatten, Urenkel von Queen Victoria, der vor 70 Jahren mit Frau und Tochter nach Delhi beordert wurde, um den Weg Indiens in die Unabhängigkeit zu begleiten. Ihr Haus ist ein Palast mit über 500 Angestellten. Prächtig ausgestattet und pompös anzusehen, ist der Buckingham Palast dagegen ein schnöder Bungalow. Ähnlich wie unter den Bediensteten brodelt es im ganzen Land an allen Ecken und Enden. Es kommt immer häufiger zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs, die zu eskalieren drohen. Die englische Kolonialmacht hat längst nicht mehr die Ressourcen, die Aufstände niederzuschlagen und so wird Mountbattans Mission zu einem Kampf gegen die Zeit. Er trifft sich mit allen Beteiligten und versucht eine Einigung herzustellen, doch alle Parteien sind komplett zerstritten und stimmen nur in einem Punkt überein, den unliebsamen Kolonialherr, über man sich insgeheim lustig macht, so schnell wie möglich los zu werden. Obwohl Mountbattan daran zweifelt, dass das Land sich selbst verwalten kann und Indien gerne gut aufgestellt in die Unabhängigkeit führen möchte, kommt es anders. Der Abzug der Briten ist längst beschlossen und die Trennung des Landes nicht länger zu verhindern. So wird es schnell dramatisch, die ganze Nation muss sich innerhalb kürzester Zeit entscheiden, in welcher Hälfte sie leben will.

Aus Massen-Protesten werden Massaker, die eine Völkerwanderung auslösen, wie sie größer und blutiger die Welt bis dato nicht gesehen hat. Die Familie der Regisseurin Gurinder Chadhas, die 1960 in Kenia als Tochter indischer Eltern aufgewachsenen ist, war selbst in die damaligen Ereignisse verwickelt und der Film ist ihr daher ein persönliches Anliegen. Sie spart in ihrem prächtig ausgestatteten Historienspektakel nichts aus: Intrigen und Verhandlungen der politischen Eliten, religiöse Auseinandersetzungen, Flucht und Vertreibung und eine große Liebesgeschichte, die nicht sein darf. Im Prinzip spiegeln sich die Zerwürfnisse des Landes im Palast wider. Die Liebe des jungen Hindu Jeet und der muslimischen Angestellten Aalia droht im Strudel der Ereignisse und im Konflikt der Glaubensgemeinschaften unterzugehen. Aber auch Mountbattan, der gekommen war, um das Land zu einen, wird zum Opfer politische Winkelzüge, die ihn zum Bauherrn der Teilung des Landes werden lassen, und schließlich zum Auslöser einer Migrationsbewegung bisher unbekannten Ausmaßes. Vierzehn Millionen Flüchtlinge machen sich unter bürgerkriegsähnlichen Umständen auf in das Land, in dem sie demnächst leben wollen.

Anne Wotschke u. Kalle Somnitz